Manchmal begegne ich einer Idee nicht, weil ich nach ihr gesucht habe, sondern weil ich plötzlich etwas sehe, das vorher scheinbar „unsichtbar“ war.
So ging es mir mit dem Myzel. Kennt Ihr den Begriff?
Wenn wir an Pilze denken, denken wir meist an das, was aus dem Waldboden herausragt: den Fruchtkörper. Doch der größte und spannendste Anteil vom Pilz liegt im Verborgenen. Unter unseren Füßen zieht sich ein weit verzweigtes Geflecht aus feinen Pilzfäden durch den Boden. Dieses Myzel kann große Räume durchziehen, Nährstoffe aufnehmen, auf Veränderungen reagieren und mit anderen Organismen in Beziehung treten.
Ein Netzwerk.
Je mehr ich darüber las, desto stärker musste ich an etwas denken, das ebenfalls lange kaum Beachtung fand, mich aber schon seit Jahren beschäftigt: die Faszie.
Auch die Faszie ist kein einzelnes Organ, das wir irgendwo im Körper begrenzt lokalisieren können. Sie bildet vielmehr ein zusammenhängendes System aus Bindegewebe, welches Muskeln, Organe, Gefäße, Nerven und andere Strukturen umhüllt, verbindet und durchzieht.
Und plötzlich war da für mich diese verblüffende Ähnlichkeit:
Myzel und Faszie – zwei völlig unterschiedliche biologische Systeme und doch beide geprägt von Vernetzung, Verbindung und Anpassung.
Natürlich sind sie nicht dasselbe. Das Myzel gehört zum Reich der Pilze, die Faszie zu unserem Körper. Ihre Aufgaben und ihre biologische Organisation unterscheiden sich grundlegend.
Und trotzdem lohnt sich der Vergleich:
Myzel und Faszie sind verzweigte, chaotisch wirkende dreidimensionale Netzwerke mit fluiden Eigenschaften; sie verbinden ganz unterschiedliche Systeme miteinander zu einem funktionalen Ganzen. Beide reagieren auf die direkte Umgebung und verändern ihre Beschaffenheit den jeweiligen Anforderungen entsprechend.
Beide Systeme zeigen uns etwas, das in der Biologie immer wieder auftaucht: Leben organisiert sich nicht nur in einzelnen Einheiten, es organisiert sich in Beziehungen.
Das Fasziennetzwerk
Die Faszie wurde ganz lange Zeit nicht beachtet, wichtig waren alle anderen Strukturen im Körper – Das Verständnis über dieses alles umhüllende und durchdringende Bindegewebe hat sich in den letzten 20 Jahren komplett verändert: Die Faszie ist eine kontinuierliche, körperweite Matrix. Grammatisch korrekt ist der Singular, nicht Faszien – denn es gibt nur eine Faszie pro Körper. Schwer vorstellbar, oder?
Sie besteht hauptsächlich aus Kollagen, Elastin, wasserbindenden Molekülen und lebendigen Fibroblastenzellen. Sie bildet Röhren, Schichten, Kanäle, Membranen, Kompartimente und Räume für alle anderen Gewebe: Knochen, Muskeln, Gefäße, Nerven, Organe … Es gibt keinen Ort im Körper ohne Bindegewebe!
Auch ein Pilz ist größer, als wir denken
Was wir als Pilz kennen und sehen, ist eigentlich nur sein Fruchtkörper. Der unsichtbare ganze Pilz ist das Myzel. Das bildet sich aus den feinen Hyphen (Pilz-Wurzel-Fäden). Diese durchdringen die Erde, Gehölze und Wurzeln und können ein großflächiges, verbindendes Netzwerk bilden.
Pilze sind als Müllabfuhr des Waldes bekannt, sie zersetzen organisches Material und sorgen so für neuen Humus. Aber die feinen Pilzfäden erkunden auch ihre Umgebung, bilden neue Wege aus und verstärken nützliche Strecken.
Besonders faszinierend ist die Mykorrhiza: Pilze verbinden sich mit Pflanzenwurzeln und können dabei Stoffe austauschen. Die Pflanze liefert unter anderem Kohlenstoffverbindungen, während der Pilz der Pflanze bei der Aufnahme von Wasser und Mineralstoffen helfen kann. So fließen Nährstoffe und Informationen durch die vom Myzel gebildeten Routen zu den Orten, an denen sie benötigt werden. Pilze stehen in vielfältigen Beziehungen zu ihrer Umwelt.
Das Entscheidende daran ist für mich nicht die einzelne Verbindung.
Es ist die Tatsache, dass Beziehung selbst zu einer biologischen Ressource wird. Das Netzwerk erweitert die Möglichkeiten des Einzelnen.
Wie auch das Myzel bleibt die Faszie nicht starr, sie reagiert auf ihre Umgebung und verändert sich den lokalen Anforderungen entsprechend. Sie nimmt Druck, Spannung, Dehnung sowie chemische Veränderungen in ihrer Umgebung wahr und passt ihre Form und ihr Verhalten entsprechend an.
Mechanische Kräfte und Spannungen werden von der Faszie übertragen.
Wenn wir uns wiederkehrend auf bestimmte Weise bewegen – anspannen, belasten, stützen, abhängen, anlehnen … –, dann passt sich die Bindegewebematrix dem an. Spannungswege werden verstärkt, bestimmte Stellen werden dadurch fester, weniger beweglich und steifer (z. B. die Beinrückseite und der Rücken durch ständiges Sitzen).
Wenn wir uns wiederkehrend auf bestimmte Weise verhalten – ausweichen, vermeiden, durchsetzen, aushalten … –, dann passt sich die Bindegewebematrix dem an.
Unsere Gewohnheiten leben nicht nur in unserem Gehirn. Sie werden im Körper eingeübt und verwachsen in unsere physische Landschaft.
Unser Körper verändert seine Strukturen entsprechend den Bedingungen, denen er ausgesetzt ist.
Das erinnert mich wiederum an das Myzel.
Auch dort entsteht kein starres Gebilde, sondern ein Netzwerk, das wachsen, sich verzweigen und seine Struktur an seine Umgebung anpassen kann.
Natürlich geschieht das auf völlig unterschiedlichen biologischen Wegen.
Aber vielleicht steckt dahinter ein ähnliches Prinzip:
Ein lebendes System muss nicht nur stabil sein. Es muss beweglich genug bleiben, um auf seine Umwelt reagieren zu können.
Leben ist nicht nur Struktur – sondern Beziehung.
Vielleicht ist genau das auch eine andere Art, unseren Körper zu betrachten. Nicht als Zusammensetzung einzelner Muskeln, Knochen, Organe und Gelenke, sondern als lebendiges Netzwerk, in dem alles miteinander in Beziehung steht und sich gegenseitig beeinflusst.
Denn über unseren Körper nehmen wir nicht nur Bewegung, Druck und Spannung wahr. Wir nehmen über ihn auch uns selbst wahr – unseren inneren Zustand, unsere Umgebung und unsere Reaktionen auf das, was uns begegnet.
Körperliche Spannung, Wahrnehmung, Bewegung, Gedanken und emotionales Erleben sind dabei viel stärker miteinander verbunden, als es auf den ersten Blick scheint.
Genau diese Zusammenhänge interessieren mich in meiner körpertherapeutischen Arbeit.
Und auch dort geht es für mich um Beziehung.
Um die Beziehung zum eigenen Körper, zur eigenen Wahrnehmung – und um die Beziehung zwischen uns Menschen. Denn Veränderung braucht Vertrauen. Und Vertrauen braucht Sicherheit.
Erst wenn wir uns sicher genug fühlen, kann etwas loslassen, darf etwas in Bewegung kommen und erst dann, können wir vielleicht wieder wahrnehmen, was vorher nicht mehr zugänglich war.
Vielleicht beginnt Heilung genau dort, wo wir uns wieder in Beziehung bringen – mit uns selbst, mit unserem Körper und mit dem Raum, in dem wir uns begegnen.
Ein lebendiges Netzwerk.